Rom: Großmacht und Weltreich


Rom: Großmacht und Weltreich
Rom: Großmacht und Weltreich
 
Rom hatte vor dem Pyrrhoskrieg jahrzehntelange höchst aufreibende Kriege geführt und brauchte Ruhe. Es beschäftigte sich damit, allerlei Nachbereinigungen vorzunehmen, um die Herrschaft Schritt für Schritt zu sichern, und errichtete in aller Ruhe und planmäßig latinische Kolonien an strategisch wichtigen Punkten: 268 v. Chr. Beneventum in Samnium, im selben Jahr Ariminum an der Adriaküste auf dem ager Gallicus, 264 südlich davon in Picenum Firmum (Fermo). Im selben Jahr 264 wurde Rom wie vor Ausbruch des 2. und 3. Samnitenkrieges wiederum zu Hilfe gerufen, diesmal von Messana (Messina) auf Sizilien. Auch hier griff Rom ein, nahm das aber zunächst nicht so wichtig, sondern führte in Italien seine Aufräumungsarbeiten weiter. So errichtete es 263 eine weitere Kolonie in Samnium, Aesernia. Doch zur Überraschung derer, die ein Eingreifen in Messana gegen das Widerstreben des Senats durchgesetzt hatten, weitete sich das Engagement in Messana aus.
 
In Messana hatten sich italische Söldner, die nach dem Tod des Tyrannen Agathokles von Syrakus ohne militärische Führung waren, festgesetzt, und zwar genau in der mörderischen Art, wie es Stammesgenossen in Rhegion getan hatten, die von den Römern dann zu Recht schwer gezüchtigt worden waren. Diese Räubersoldaten nannten sich nach dem Kriegsgott Mars »Marsleute«, Mamertiner, und begannen, über Messana hinauszugreifen, stießen dabei mit dem Tyrannen Hieron II. von Syrakus zusammen, wurden von ihm besiegt und sahen sich nach Hilfe um, seltsamerweise sowohl in Karthago als auch in Rom. Die Karthager hatten natürlich ein Interesse daran, im Bündnis mit den Mamertinern Syrakus zu bekämpfen. Für Rom sah das anders aus.
 
Ein schrecklicher Krieg, der Pyrrhoskrieg, war vorbei, man beseitigte gerade seine Folgen, und es gab keinen Grund, über die Straße von Messina zu setzen, sich in einer Gegend zu engagieren, in der man nichts verloren hatte, und sich schließlich auch noch mit Syrakus einzulassen, das Rom ja nun überhaupt nicht bedrohte, bloß um eine Räuberbande zu unterstützen. Dem Hilferuf Folge zu leisten, wäre doch ein rational nicht begründbares Abenteuer.
 
So dürfte der Senat argumentiert haben, aber der Konsul Appius Claudius Caudex veranlasste die Zenturiatkomitien, die Hilfeleistung zu beschließen, wohl mit dem Argument, es würde sich um einen beutereichen militärischen Spaziergang handeln. Wirklich gelang es sehr schnell, Hieron, der inzwischen zum König ausgerufen worden war, von Messana abzudrängen, und im nächsten Jahr 263 ging dieser kluge Machtmensch sogar auf die römische Seite über, denn inzwischen hatte sich die Konstellation grundlegend verändert. Die Karthager waren ins Spiel gekommen, und nun drehte sich sozusagen die militärische Zielrichtung der Römer um neunzig Grad, und was als handstreichartiges Unternehmen gegen Syrakus beabsichtigt war, wurde schnell ein großer Krieg gegen Karthago — Messana und Syrakus spielten bald nur noch eine passive Rolle.
 
Dabei waren die karthagisch-römischen Beziehungen bisher gut gewesen. Es hatte in der Vergangenheit mehrere karthagisch-römische Verträge gegeben, deren Historizität allerdings nicht immer sicher ist. Aber im Pyrrhoskrieg hatte Karthago gewiss auf römischer Seite gestanden, und es lag alles andere als im Zuge der zu erwartenden politischen Weiterentwicklung, dass das mit inneritalischen Arrondierungs- und Sicherungsaufgaben beschäftigte ruhebedürftige Rom nichts Besseres zu tun gehabt hätte, als umgehend auf einen größeren Konflikt außerhalb Italiens zuzusteuern. Aber so ist es gekommen. Der Krieg sollte 23 Jahre dauern.
 
 Der 1. Punische Krieg bringt Rom eine Flotte und das Provinzsystem
 
Der 1. Punische Krieg war reich an dramatischen Situationen und Umschwüngen. In seinem Verlauf baute Rom zum ersten Mal eine Kriegsflotte, die nicht durch Rammen, sondern durch Entern die Gegner bekämpfte; Rom setzte sogar nach Afrika über, musste aber weichen; es geriet mehrfach durch Totalniederlagen zur See an das Ende seiner Kräfte — aber zuletzt schloss Karthago 241 v. Chr. Frieden; es war endgültig aus Sizilien verdrängt worden, was die Griechen nie erreicht hatten.
 
War die Räumung Siziliens etwa das Kriegsziel gewesen? Sollten die Römer 23 Jahre lang gekämpft haben, um die Griechen von den Karthagern zu befreien? Ganz gewiss nicht. Wollten sie etwa Sizilien in Besitz nehmen, womöglich aus Gründen des Handels? Letzteres schon deshalb nicht, weil Rom kein Handelsstaat war und die sich allmählich herausbildende Schicht von Großkaufleuten ohne jeden Einfluss auf die staatlichen Entscheidungen war.
 
Ersichtlich war es in diesem Krieg Rom nur darum gegangen, sich Karthago vom Leibe zu halten, das nach den harmlosen Anfängen der Kämpfe schnell als bedrohlich empfunden wurde, und das umso mehr, je länger der Krieg dauerte. Die Vorstellung, es sei »um den Besitz« eines so großen Territoriums wie Sizilien gegangen, von der man manchmal hört, geht von neuzeitlichen Analogien aus und verkennt Interessenlage und Möglichkeiten der Herrschaftsausübung der damaligen Zeit. Das wird zur Evidenz deutlich, wenn man sich die folgenden Ereignisse ansieht. Zunächst geschah jahrelang überhaupt nichts, 237 vertrieb Rom die Karthager auch von Sardinien, war aber bis 227, also 14 Jahre nach Beendigung des 1. Punischen Krieges, damit beschäftigt, kurzfristig in Illyrien eine Machtzusammenballung zu verhindern und vor allem Maßnahmen gegen die aus dem Norden herandrängenden Kelten zu treffen. Rom schickte je einen Prätor mit einem kleinen Kontingent aus prophylaktischen Gründen nach Sardinien und Sizilien. Deren Zuständigkeitsbereich war nun Sizilien bzw. Sardinien, und da Zuständigkeitsbereich auf Lateinisch provincia heißt, konnte man davon sprechen, dass es jetzt die Provinzen Sizilien und Sardinien gab. So und nicht, weil der 1. Punische Krieg »um Sizilien« gegangen wäre, entstand das Provinzsystem.
 
Die Geschichte ist ein offener Prozess, und gelegentlich bemüht sich die vorliegende Darstellung, das dadurch deutlich zu machen, dass nicht ein Großereignis als Fixpunkt vorgestellt und dann nach den Gründen gefragt wird, sondern dass umgekehrt Einzelereignisse in zeitlicher Abfolge geschildert werden, die sich dann zu einem Großereignis verdichten. So soll auch jetzt nicht von dem Faktum des nächsten, des 2. Punischen Krieges, ausgegangen werden, sondern es soll der Weg geschildert werden, der dann durch Summierung der Faktoren zu diesem Krieg führte.
 
 Hannibal ante portas! — Der 2. Punische Krieg (218—201 v. Chr.)
 
Die Kelten in Oberitalien wurden immer unruhiger, und entsprechend beunruhigt waren Rom und das griechische Massilia, heute Marseille, mit dem Rom ein Bündnis geschlossen hatte. Gleichzeitig wuchs das Misstrauen gegenüber dem, was sich in Spanien abspielte. Der nach dem Verlust Sardiniens dorthin entsandte karthagische Feldherr Hamilkar Barkas erfüllte seine Aufgabe, Spanien zu einem Ersatz für Sizilien zu machen, glänzend, denn immer mehr weitete sich das karthagisch beherrschte Gebiet aus — 228 wurde Neu-Karthago gegründet (Carthago Nova, heute Cartagena) — und das vor allem durch persönliches Geschick und Liebenswürdigkeit. Die einheimischen keltiberischen Stämme und ihre Häuptlinge begaben sich in ein persönliches Loyalitätsverhältnis zu Hamilkar und zu seiner Familie. Diese errichtete fast eine Art Dynastie, denn nach Hamilkars Tod 229/228 folgte ihm sein Schwiegersohn Hasdrubal und nach dessen Ermordung 221 sein Sohn, der 25-jährige charismatische Hannibal. Die Römer schickten mehrfach Gesandte zu den Barkiden, den Nachkommen des Hamilkar Barkas, inoffensiv, aber doch ihr Augenmerk bekundend, das sie auf die Entwicklung hatten. Nach der Entsendung des Prätors Gaius Flaminius nach Sizilien 227 begaben sie sich 226 wieder zu Hasdrubal, um ein Übereinkommen zu erzielen, das die Interessensphären der beiden Parteien einigermaßen abgrenzen und auch Massilia beruhigen sollte. Es wurde vereinbart — anscheinend eher informell und mit Hasdrubal persönlich —, dass die Karthager den Ebro, der an der Ostküste Spaniens in das Mittelmeer mündet, dergestalt als Grenze anerkannten, dass er von ihnen nicht in kriegerischer Absicht überschritten werden würde.
 
Diese Sicherung kam gerade rechtzeitig, denn inzwischen hatte ein wahrhaft großer Krieg gegen die hereinströmenden Kelten begonnen, die durch transalpine Stämme verstärkt waren. Aufgrund der formula togatorum, der Aushebungsliste, wurden die römischen und bundesgenössischen Soldaten in großem Stil ausgehoben, mit dem Ergebnis, dass vier Legionen unter den beiden Konsuln und noch zahlreichere Einheiten der socii, der Bundesgenossen, aufgestellt wurden. Noch 222 v. Chr. kämpften römische Heere in der Pogegend, es wurde die keltische Stadt Mediolanum erobert — Milano, Mailand heißt sie heute —, und alsbald gingen die Römer an die Sicherung des Gebietes. Sie bauten Straßen, 220 die Via Flaminia bis nach Ariminum, und sie legten Kolonien an, 218 Cremona und Placentia (Piacenza).
 
Inzwischen belagerte Hannibal die keltiberische Stadt Saguntum in Spanien, etwas landeinwärts ein wenig nördlich des heutigen Valencia gelegen. Rom warnte, kam jedoch nicht zu Hilfe, sondern ließ Hannibal die Stadt acht Monate lang belagern, bis er sie schließlich eroberte. Und im Frühjahr 218 überschritt er den Ebro und rückte auf die Pyrenäen zu. Rom verlangte in Karthago Hannibals Auslieferung, aber vergeblich. Da erklärte Rom Karthago den Krieg.
 
Initiativ wurde Hannibal. Als ob er nichts anderes je vorgehabt hätte, machte er an den Pyrenäen nicht Halt, überquerte sie und überschritt im Spätsommer die Rhône. Rom hatte, mit nicht viel mehr Truppen als gegen die keltischen Stämme oder gegen die Illyrer aufgestellt worden waren, zunächst an eine weiträumigere Strategie gedacht, beorderte jetzt aber einen Teil der Heere eiligst zurück, als es den schnellen und zielgerichteten Vormarsch Hannibals bemerkte. Noch im Herbst 218 überschritt Hannibal mit seinen Elefanten die Alpen. Niemand hatte ihm diese tollkühne Leistung zugetraut, und entsprechend nervös wurde man in Rom.
 
Es ging Schlag auf Schlag. Zunächst wurde auf beiden Seiten Politik gemacht. Hannibal rechnete damit, ähnlich wie Pyrrhos, dass das römische Bundesgenossensystem auseinander fallen würde, er tat durch freundliches Verhalten auch alles dazu, um die Untertanen und Bundesgenossen von Rom abspenstig zu machen. Bei den Kelten im Norden hatte er damit Erfolg gehabt, in Italien versagte diese Taktik aber, von bedeutenderen Städten fielen nur Capua und später Tarent ab, und auch das erst nach der Schlacht von Cannae 216 v. Chr.
 
Mit seinen vom Alpenübergang erschöpften und dezimierten Truppen schlug Hannibal dennoch im Dezember 218 an der Trebia, einem rechten Nebenflüsschen des Po, zwei konsularische Heere. Im Frühjahr stand er am Trasimenischen See, westlich von Perugia, und besiegte ohne Schwierigkeiten das römische Heer unter dem Konsul C. Flaminius, demselben, der 227 als Prätor nach Sizilien abgesandt worden war. Der Senat in Rom sah daraufhin den Staatsnotstand eingetreten und ließ Quintus Fabius Maximus Verrucosus zum Diktator ernennen. Das war ein gewaltiger Mann, bereits zweimal Konsul gewesen, und seine Strategie war: zwar am Feind bleiben, ihn aber durch ständiges Ausweichen zermürben und dabei die eigenen Kräfte regenerieren. Dieses Taktieren verschaffte ihm den Beinamen, unter dem er in die Geschichte eingegangen ist: Cunctator, der Zauderer. Freilich hatte er mit Widerstand zu kämpfen, ihm wurde sogar systemwidrig ein zweiter, ungestümerer Diktator an die Seite gegeben, und nach Ablauf der halbjährigen Amtszeit bereitete man sich auf die militärische Entscheidung vor. Sie kam auch, aber anders als erhofft. Im August 216 vernichtete Hannibal bei dem süditalischen Ort Cannae am Fluss Aufidus ein doppelkonsularisches Heer der Römer. Cannae ist zum Synonym für die vollständige Vernichtungsschlacht geworden, immer wieder von Militärs studiert, so etwa auch vom Grafen Schlieffen vor dem Ersten Weltkrieg.
 
Vincere scis, sed victoria uti nescis (zu siegen verstehst du, aber den Sieg auszunutzen verstehst du nicht), das soll Hannibal nach dem Sieg von Cannae gesagt worden sein. Der Krieg trat in seltsamer Weise auf der Stelle. Der Senat in Rom lehnte, obwohl wahrlich in einer Position der Schwäche, Verhandlungen ab; zwar wechselte Capua die Seiten, aber sonst hielt das Netz des römischen Bundesgenossensystems. 215 v. Chr. kam noch ein weiterer Machtzuwachs auf karthagischer Seite hinzu. Zum einen starb der alte Hieron von Syrakus, der 48 Jahre fest zu Rom gehalten hatte, und sein Enkel und Nachfolger Hieronymos gab sofort die Politik Hierons auf und wechselte auf die karthagische Seite über; auch nach seiner Ermordung verblieb Syrakus dort. Zum anderen machte sich Philipp V. von Makedonien in antirömischem Sinne bemerkbar, indem er mit Hannibal ein Bündnis gegen Rom schloss; das wirkte sich zwar kaum aus, aber der 1. Makedonische Krieg stand vor der Tür.
 
Hannibal war weiter nach Süden gezogen, 213 lief Tarent zu ihm über, und die Karthager landeten auf Sizilien, aber das Jahr 212 sah erste Anzeichen, dass die Göttin Fortuna — oder Tyche — allmählich begann, sich von Hannibal ab- und den Römern wieder zuzuwenden. Nach zäher Belagerung eroberten die Römer unter Marcus Claudius Marcellus Syrakus — hierher gehört die Geschichte vom Tod des Archimedes —, und es begann der wenig spektakuläre 1. Makedonische Krieg. 211 kam noch einmal ein nervenaufreibender Rückschlag. Rom belagerte Capua, um es wieder zurückzuzwingen, da machte Hannibal als Entsatzoperation einen Vorstoß auf Rom und versetzte die Stadt in Schrecken: Hannibal ante portas! (Hannibal vor den Toren!), auf diese Situation bezieht sich der bekannte Spruch. Aber Capua fiel wieder an die Römer, und Hannibal machte nicht Ernst mit seinem Marsch auf Rom.
 
Die Römer hatten mit beachtlichem Erfolg schon den ganzen Krieg über in Spanien operiert, unter dem Kommando der Brüder Gnaeus und Publius Cornelius Scipio, und damit erreicht, dass diese Machtbasis für Karthago ausfiel. 212 v. Chr. fielen beide in der Schlacht, jedoch wurde 211 der gleichnamige Sohn des Publius, erst 25 Jahre alt, vom Volk zum Nachfolger gewählt. Damit begann ein römischer Siegeszug. Der hochcharismatische junge Mann verstand es, wie früher die Barkiden, die Loyalität der Einheimischen zu gewinnen, und wurde ebenfalls königsgleich von ihnen behandelt. 209 eroberte er Carthago Nova, im selben Jahr, in dem Fabius Maximus Tarent zurückeroberte. Gleichwohl gelang es Hannibals Bruder Hasdrubal, sich aus der römischen Umklammerung zu lösen und 208 mit einem Entsatzheer in Italien zu erscheinen. Diesmal war das Ergebnis dieses militärischen Taktierens aber ein anderes als 218. Die beiden Konsuln des Jahres zogen Hasdrubal entgegen und besiegten ihn 207 am Fluss Metaurus, der zwischen Ariminum und Ancona Dorica in die Adria fließt. Ein Jahr später räumten die Karthager Spanien, Scipio konnte nach Rom zurückkehren, und 205 schlossen die Römer in der epirotischen Stadt Phoinike mit einem womöglich etwas kleinlauten Philipp V. Frieden, der 1. Makedonische Krieg war beendet.
 
Jetzt musste man eigentlich nur noch mit dem in die Südostecke Italiens gedrängten Hannibal fertig werden. Gegen den Willen des alten Cunctator, der 215, 214 und 209 Konsul war, ließ sich der junge Scipio 205 mit einem hochfliegenden Plan zum Konsul wählen. 204 setzte er von Lilybaeum aus, dem heutigen an der Westküste Siziliens gelegenen Marsala, nach Afrika über. Er gewann den Numiderfürsten Massinissa, der gerne König werden wollte, für sich und siegte in einer großen Schlacht über das karthagische Heer. Da rief das so bedrängte Karthago Hannibal aus Italien zurück, und 202 fand der letzte Kampf statt. In der Schlacht von Zama siegte der römische Aristokrat über den karthagischen Feldherrn. Im Frieden von 201 v. Chr. durfte Karthago nur noch zehn Kriegsschiffe behalten, musste 10000 Talente (zur Erinnerung: ein Talent sind 43 kg Silber) Kriegsentschädigung über fünfzig Jahre hinweg zahlen, durfte außerhalb Afrikas überhaupt keinen und in Afrika nur mit römischer Erlaubnis Krieg führen, und damit es das Gewicht dieses Verbots richtig empfinde, wurde ihm der Numiderkönig Massinissa als ständige Provokation als Nachbar zugeteilt. Hannibal blieb in Karthago. Scipio bekam den Beinamen Africanus.
 
 Der 2. Makedonische Krieg (200—197 v. Chr.)
 
Sollen wir Atem holen? Den Römern blieb keine Zeit dafür, denn im Jahr der Schlacht von Zama 202 v. Chr. erreichte sie schon wieder ein Hilfeersuchen. Diesmal kam es von dem Inselstaat Rhodos und vom pergamenischen König Attalos I.: Rom möge ihnen gegen Philipp V. von Makedonien helfen, der gerade dabei war, sich in der Ägäis auszubreiten.
 
Die Lage war von der des Jahres 264 v. Chr. mit dem Hilferuf der Mamertiner grundlegend verschieden. Dort schien man, aus der Perspektive der Volksversammlung, leichtes Spiel zu haben, während der Senat aus mangelnder Erfahrung noch vorsichtig war; hier sah es jetzt für den Senat ganz so aus, als würde sich im Osten eine neue gefährliche Macht zusammenballen, der man sofort Einhalt gebieten müsse: Die Truppen des Hannibalkrieges waren noch nicht demobilisiert, standen also noch kampfbereit zur Verfügung. Die Zenturiatkomitien sahen diesmal die Dinge aber anders; das wehrfähige Volk war erschöpft, sah nur neue und unübersichtliche Anstrengungen auf sich zukommen und konnte nur mit Mühe für den Kriegsbeschluss gewonnen werden.
 
Der Senat hatte, kurzfristig gesehen, Recht. Mit nur zwei Legionen setzte Rom nach Griechenland über, nachdem Philipp römische Forderungen, sich zurückzuziehen, abgelehnt hatte. Zunächst war die Kriegführung wenig effektiv, aber 198 änderte sich das. Zum einen vereinigten sich allmählich alle Griechenstaaten auf Roms Seite — neben dem Ätolischen sogar auch der Achäische Bund und Athen —, denn Makedonien erschien als die ganz große Gefahr, und zum anderen war für das Jahr 198 ein ungemein fähiger und menschlich bezwingender junger Mann zum Konsul gewählt worden. Titus Quinctius Flamininus, der noch nicht dreißig Jahre alt war und in seiner Karrierelaufbahn gerade erst die Quästur bekleidet hatte, muss ein höchst eindrucksvoller Vertreter der römischen Aristokratie gewesen sein: jung, wach, offen, mit einem Zug ins Idealistische. Die Griechen jedenfalls sahen ihn so, und es schmeichelte ihnen sehr, dass er ein Verehrer der griechischen Zivilisation war, was sie nach früheren Erfahrungen mit den Römern sehr überraschte. Vielleicht übersahen sie gerne, dass er, wenn es darauf ankam, vor allem römischer Nobilis und Konsul des römischen Volkes war.
 
Im Mai/Juni 197 besiegte das Koalitionsheer aus Römern und Griechen den makedonischen König in Thessalien bei dem Gebirge Kynoskephalai (heute Mavrovuni). Im anschließenden Friedensvertrag musste Makedonien die »drei Fußfesseln Griechenlands« herausgeben, nämlich seine Besatzungen in Demetrias, Chalkis auf Euböa und Akrokorinth, und wurde auf das eigentliche Makedonien beschränkt. Das intensive Kennenlernen der Römer hatte Philipp einsehen lassen, dass es besser sei, diesen Vertrag auch zu halten. Damit war der Konflikt gelöst, und Rom hatte sein Kriegsziel erreicht. Im nächsten Jahr 196 gab es noch ein Nachspiel, das nach dem Herzen der meisten Griechen war. Bei den Isthmischen Spielen verkündete Flamininus im Namen Roms die Freiheit und Autonomie der Griechenstädte, und dass ihm diese Vorstellung so gut gelang, zeigt, dass er nicht nur ein edler junger Mann, sondern auch ein beängstigend guter Politiker war. Die Griechen jubelten, nannten ihn Philhellen (Griechenfreund) und Soter (Retter) und vergaßen ganz, dass solche Freiheitserklärungen ein traditionelles Mittel im Kampf um Einfluss in Griechenland darstellten und dass der Sotertitel ein gängiger Beiname hellenistischer Könige war.
 
 Antiochos der Große verkalkuliert sich
 
Einer hatte die Entwicklung in Griechenland genau beobachtet, zog aber die falschen Schlüsse daraus und beging den entscheidenden Fehler seines Lebens. Der Seleukidenkönig Antiochos III., der Große, der diesen Beinamen mit Recht trug, sah Philipp V. als ernst zu nehmenden Konkurrenten ausgeschaltet, bemerkte den allmählichen Abzug der Römer, schloss daraus auf deren Desinteresse an Griechenland und fing an, sich langsam Griechenland zu nähern. Trotzdem ging der Abzug der römischen Truppen weiter, und 194 v. Chr. verließ der letzte römische Soldat griechischen Boden. Angesichts dieser Tatsache ist es dann schon bemerkenswert, dass Antiochos erst 192 Griechenland betrat; Philipp V. nahm gegen ihn Stellung, nur die Ätoler verbündeten sich mit ihm. Jetzt schickten die Römer nun doch im Jahre 191 ein konsularisches Heer unter Manius Acilius Glabrio, und Antiochos der Große, der Rückeroberer des östlichen Alexanderreiches, wurde bei den Thermopylen geschlagen und verließ Griechenland. Die Römer setzten nach und siegten 190 bei Magnesia unter dem Kommando des Konsuls Lucius Cornelius Scipio, der seinen Bruder, den Africanus, als Berater bei sich hatte. 188 v. Chr. kam es in Apameia am Mäander in Phrygien zum Frieden. Antiochos verpflichtete sich, sich hinter den Taurus zurückzuziehen, das von ihm geräumte Kleinasien wurde vornehmlich Pergamon und Rhodos zugeschlagen. Hannibal, der Karthago hatte verlassen müssen und im Gefolge des Seleukidenkönigs war, floh zum König Prusias I. von Bithynien und beging fünf Jahre später, als er an Rom ausgeliefert werden sollte, Selbstmord. Antiochos aber hatte dieselbe Lektion gelernt wie Hieron II. und Philipp V. Er hielt sich in der Folgezeit an die eingegangenen Verpflichtungen.
 
 Der 3. Makedonische Krieg (171—168 v. Chr.)
 
Im Westen verfuhr Rom nach Beendigung des 2. Punischen Krieges mit ruhiger Sicherheit, es gliederte Syrakus in die Provinz Sizilien ein und provinzialisierte Spanien; in Oberitalien wurde die Via Aemilia gebaut, die die Via Flaminia bis Placentia fortsetzte, und es wurden die Kolonien Bononia (Bologna), Parma, Mutina (Modena), Aquileia und Luca (Lucca) angelegt. Im Osten verfuhr man anders, nämlich so, dass nach der militärischen Verhinderung größerer Machtzusammenballungen die Pluralität der griechischen Staaten ein gegenseitiges Gleichgewicht garantieren sollte. Und das funktionierte nicht.
 
Griechische Gesandtschaften vom kleinen Stadtstaat bis zum pergamenischen König gaben sich beim römischen Senat die Klinke in die Hand. Bei aller eindrucksvollen Staatskunst, die man den Herren der Senatsaristokratie bewundernd zuerkennt, müsste an irgendeinem Punkt die Erkenntnis aufgekommen sein, dass dieses punktuelle Reagieren auf ein Gewirr völlig unübersichtlicher Interessenlagen, Beschwerden und Wünsche nicht die angemessene Politik war. Politische Herrschaft kann lästig sein, und sie war es hier; ihre Kehrseite ist die Verpflichtung zu verantwortlicher, ordnender Politik, und daran ließ es die römische Aristokratie fehlen. Der Unmut in Griechenland nahm zu, und dass er ziellos war und keine konkrete Alternative aufzeigen konnte, änderte nichts an seiner Gefährlichkeit.
 
Der Sohn und Nachfolger Philipps V., Perseus, sah sich mehr und mehr in der Rolle eines Kristallisationspunktes aller — berechtigten — griechischen Beschwerden gegen Rom. Die Situation spitzte sich nach zahlreichen römischen Gesandtschaften so zu, dass Rom ihm den Krieg erklärte und 171 v. Chr. mit einem Heer in Griechenland erschien. Zunächst zog sich der Krieg hin, aber 168 v. Chr. siegte bei Pydna das römische Heer unter Lucius Aemilius Paullus. Perseus wurde nach Rom gebracht und starb in der Gefangenschaft, Makedonien wurde als Staat ausgelöscht und in vier Zwergrepubliken aufgeteilt.
 
Roms Aufräumen nach dem Sieg nahm jetzt andere Formen an als früher. Dass Rhodos zur Strafe für sein Schwanken seinen Festlandsbesitz in Kleinasien verlor, entsprach dem üblichen römischen Verfahren seit Jahrhunderten; indirekt aber und nicht ohne eine Art schlauer Tücke war die Erklärung der Insel Delos zum Freihafen, sodass sich große Teile des Handelsverkehrs dorthin verlagerten und Rhodos auf diese Weise kräftig an Einnahmen verlor. Am schlimmsten traf es Epirus, dessen Städte zerstört und dessen Bevölkerung großenteils in die Sklaverei verkauft wurde. Eine besondere Strafmaßnahme galt dem Achäischen Bund. Ihn hielt Rom anscheinend für ein besonders gefährliches politisches Gebilde und lokalisierte seine Gefährlichkeit, ganz nach seinem eigenen Vorbild, in der Qualität seiner Führungsschicht. Sie galt es unschädlich zu machen. 1000 Achäer brachten die Römer deshalb nach Italien und verteilten sie als eine Art Geiseln oder als Ehrenhäftlinge über ihr Herrschaftsgebiet. Einer dieser Häftlinge war Polybios. Er wurde dem Hause der Scipionen zugeteilt, in das der Sohn des Siegers von Pydna adoptiert wurde, und zwischen diesem jungen Römer Publius Cornelius Scipio Aemilianus und dem gebildeten Griechen entwickelte sich eine Lebensfreundschaft. Sie führte dazu, dass der Grieche Polybios der große Historiker der römischen Expansion wurde, der die Römer vielleicht besser verstand als sie sich selbst.
 
Der Tiefpunkt der römischen Unfähigkeit zu herrschen war aber noch nicht gekommen. Die Stimmung in Griechenland wurde immer romfeindlicher. Immer öfter wurde Rom in lächerlichsten Fragen um Hilfe angegangen und gleichzeitig eben deswegen gehasst. Athen und Böotien stritten sich um einen Landstreifen, und um Athens Standpunkt Nachdruck zu verschaffen, schickten die Athener 156/155 v. Chr. sogar die Vorsteher der drei Philosophenschulen, der Akademie, des Peripatos und der Stoa, vor den Senat nach Rom. Von einiger Bedeutung ist dieses Ereignis nur geistesgeschichtlich, denn auf diese Weise hörten die staunenden Römer erstmals die bedeutendsten Philosophen der Zeit in ihrer Stadt. In öffentlichen Vorträgen ließen sie sich über die fehlende Legitimation ihrer Herrschaft belehren. Im Übrigen nahm die soziale Spaltung in Griechenland immer mehr zu, die nackte Not griff um sich.
 
 Debatten um Karthago, Partisanenkämpfe in Spanien und der falsche Perseus in Makedonien
 
In Nordafrika hatte Karthago sich mustergültig verhalten und den Vertrag von 201 aufs i-Tüpfelchen erfüllt. Die gesamte Kriegsentschädigung war bezahlt worden, sogar vorfristig. Alle Nadelstiche des immer mächtiger werdenden und von Rom gestützten Numiderkönigs Massinissa wurden mit stoischer Ruhe ertragen. Als dessen Übermut aber 161 dazu führte, dass Karthago lebenswichtige Handelshäfen weggenommen wurden, wandte es sich mit der Bitte um Hilfe an Rom. Nach der Überlieferung führte das zu ausgedehnten Debatten, die sich nicht um die Berechtigung der Beschwerden Karthagos drehten, sondern darum, ob man Karthago als ständige latente Bedrohung ein für alle Mal vernichten solle, oder ob es gerade deshalb bestehen bleiben solle, denn ohne eine solche Bedrohung werde Rom träge werden und auf lange Sicht untergehen. Anlässlich dieser Debatten soll Marcus Porcius Cato Censorius, der ältere Cato, sein berühmtes ceterum censeo Carthaginem esse delendam (übrigens meine ich, dass Karthago zerstört werden muss) gesprochen haben, das allerdings in dieser Form historisch nicht beglaubigt ist.
 
153 kam ein weiterer Schwelbrand hinzu. Die Lusitanier im Westen und die Keltiberer in der Mitte und im Osten der Iberischen Halbinsel, die sich jahrzehntelang die römische Herrschaft, die mit zahlreichen Übergriffen verbunden war, hatten gefallen lassen, begehrten auf und griffen zur Waffe der Guerilla. Es stellte sich bald heraus, dass es sich hier nicht um einen Krieg mit klaren Fronten und festen Regeln handelte, den man gewinnen oder verlieren konnte, sondern um die ganzen nervenaufreibenden Irregularitäten des Partisanenkrieges. Die römischen Bürgersoldaten, deren Legionen die Welt unterworfen hatten, bekamen zum ersten Mal etwas, was ihnen bis dahin unbekannt war, nämlich Angst. Es muss ein unvorstellbarer Schock für die römische Oberschicht gewesen sein, als es plötzlich Meutereien und Schwierigkeiten bei der Aushebung gab — die Volkstribunen verhafteten sogar einmal für kurze Zeit beide Konsuln —, die nur mit Notmaßnahmen einigermaßen repariert werden konnten. Ein Vierteljahrhundert dauerte dieser schmutzige Krieg.
 
Damit nicht genug. In Griechenland wurde einem Mann aus der Hefe des Volkes, Andriskos, so lange gesagt, dass er aussehe wie Perseus, der letzte makedonische König, bis er sich 151 zum Sohn dieses Königs erklärte und zum Aufstand gegen Rom aufrief. Übermäßig gefährlich war dieses Aufbegehren wohl nicht, vielleicht war auch die Person des Prätendenten nicht hinreichend Vertrauen erweckend, aber es dauerte doch bis zum Jahre 148 v. Chr., bis die Römer ihn in einer regulären Feldschlacht besiegen, gefangen nehmen und hinrichten konnten. Immerhin werteten sie diesen Krieg aber als Symptom und schufen klare Verhältnisse. Die undurchdachte Regelung der vier makedonischen Zwergstaaten wurde fallen gelassen und eine Provinz Macedonia eingerichtet.
 
 Der 3. Punische Krieg (149—146 v. Chr.), die Auflösung des Achäischen Bundes und das Ende der Kriege in Spanien
 
Ebenfalls 151 begann Karthago, der Quälerei müde, einen Krieg, aber nicht gegen Rom, sondern gegen Massinissa. Das war aber das Signal für Rom einzugreifen. Es dauerte Jahre, bis die um ihr Überleben kämpfende Stadt erobert werden konnte; der junge Scipio Aemilianus wurde 147 vorfristig zum Konsul gewählt. 146 v. Chr. wurde Karthago erobert, vernichtet, die Bevölkerung wurde teils getötet, teils versklavt, über das Gebiet der Stadt wurde ein Fluch gesprochen, und ihr Staatsgebiet wurde die römische Provinz Africa. Ist es sentimentaler Kitsch oder ein Zeichen von überlegener, griechisch gebildeter Einsicht in den Lauf der Welt, was von Scipio, dem jüngeren Africanus, berichtet wird? Er soll, auf den Trümmern Karthagos sitzend, geweint und einen Homervers über den Untergang Trojas zitiert haben, indem er daran dachte, dass auch Rom eines Tages dieses Schicksal ereilen werde.
 
Tabula rasa wurde auch in Griechenland geschaffen. Im selben Jahr 146 v. Chr. kündigte der Achäische Bund den Römern die Gefolgschaft, wobei er sich auf die Hilfe einiger Mittelstaaten und vor allem auf die Beteiligung der Unterschichten stützen konnte. Es war die selbstmörderische Entscheidung eines Staatswesens, das so große Gestalten wie die Feldherren und Staatsmänner Aratos und Philopoimen hervorgebracht hatte. Der Bund wurde natürlich von Rom schnell und durchgreifend besiegt und vernichtet. Korinth wurde durch den persönlich liebenswürdigen Konsul Lucius Mummius aufgrund eines Senatsbeschlusses zerstört, die Bevölkerung wurde versklavt, und unzählige Kunstwerke wurden nach Rom gebracht. Der Achäische Bund wurde aufgelöst, Griechenland mit Ausnahme einiger freier Städte wie Athen und Sparta als Annex der Provinz Macedonia behandelt; es wurde erst viel später eine eigenständige Provinz.
 
Die Machtfrage war nun, um einen Ausdruck des auch wenig erfreulichen 20. Jahrhunderts zu verwenden, endgültig geklärt, und nach der Erledigung Karthagos und Korinths konnte man sich nun auf Spanien konzentrieren. Die Aufständischen hatten dort im Jahr 147 in Viriathus einen Anführer von besonderem Kampfwillen bekommen, sodass der Konsul des Jahres 137, Gaius Hostilius Mancinus, sogar vor ihm kapitulieren musste; er erhielt mit seinen Soldaten freien Abzug, nachdem ein Feldherrnvertrag ausgehandelt worden war. Der Senat aber war entsetzt über dieses Nachgeben. Er widerrief den Vertrag und lieferte als Sühne den Konsul an die Aufständischen aus. Es muss ein furchtbares Bild gewesen sein, wie der römische Konsul mit auf dem Rücken gefesselten Händen einen Tag lang bis zum Anbruch der Nacht vor dem Stadttor Numantias, der Hauptstadt der Aufständischen, stand und dann wieder umkehren musste. Er wurde aus dem Senat ausgestoßen, konnte seine Karriere aber wieder beginnen und hat es noch einmal bis zum Prätor gebracht. Ein Ende der Unsicherheiten in Spanien schaffte wieder Scipio, der jüngere Africanus, der gerufen wurde, wenn alle anderen versagten. 134 wurde er zum zweiten Mal zum Konsul gewählt und eroberte 133 v. Chr. Numantia. Die Kriege in Spanien waren vorbei, Rom war Scipio unendlich dankbar.
 
 Die römische Revolutionszeit beginnt außenpolitisch mit dem Jugurthinischen Krieg (111—105 v. Chr.)
 
Das Jahr 133 v. Chr. hatte es in sich. Ein Quästor des Mancinus, Tiberius Sempronius Gracchus, war zum Volkstribun gewählt worden, und das war der Beginn der römischen Revolutionszeit. Im selben Jahr war Attalos III., der letzte König Pergamons, gestorben; er hatte in seinem Testament Rom als Erben seines Staates eingesetzt. Es war nicht das erste hellenistische Königstestament dieser Art, aber sonst hatte Rom eine solche Erbschaft regelmäßig ausgeschlagen. Es war ja gar nicht darauf versessen, möglichst viel beherrschen zu wollen, sondern empfand das eher als Gefahr für die innere Stabilität. In diesem Fall wurde das Testament aber angenommen, nicht durch den Senat, sondern durch das Volk und zudem auf Initiative des Tiberius Gracchus, der sich von dem pergamenischen Staatsschatz Geld für seine Reformvorhaben erhoffte. Pergamon wurde die römische Provinz Asia, ein Aufstand wurde niedergeschlagen.
 
Etwa zwanzig Jahre lang blieben dann Herausforderungen der Art, dass sie den Einsatz von Heeren erfordert hätten, aus; die Gründung der Provinz Gallia Narbonensis in Südfrankreich hatte bereits den Charakter einer Arrondierungsmaßnahme, die die Verbindung zwischen Italien und Spanien herstellen sollte. Über das nächste auswärtige Problem sind wir erstmals durch eine authentische römische historiographische Quelle informiert, durch die Schrift über den Jugurthinischen Krieg des spätrepublikanischen Autors Gaius Sallustius Crispus, kurz Sallust. Der Numiderkönig Massinissa war 149 über neunzigjährig gestorben, sein Nachfolger Micipsa starb 118 und hinterließ sein Reich seinen beiden Söhnen und seinem Neffen Jugurtha. Dieser war bereits römisch erzogen, hatte bei Numantia mitgekämpft und so Einblick nicht nur in die römische Kriegführung, sondern auch in die Wirkungsweise der römischen Innenpolitik gewonnen; das war anscheinend nicht sehr schmeichelhaft für Rom. Er glaubte sich nämlich leisten zu können, erstens seine beiden Mitregenten zu ermorden und zweitens den römischen Senat an der Nase herumzuführen, auch unter Einsatz von Bestechungen.
 
Weil sich Jugurtha in seinem Machthunger ungewöhnlich rücksichtslos zeigte, dabei auch gegen römische Bürger vorging, erwachte das alte Bedrohungsgefühl wieder, und Rom erklärte ihm 111 den Krieg. Wieder dauerte es Jahre, bis Rom zu einer effektiven Kriegführung gelangte, und auch hier mögen Bestechungen eine Rolle gespielt haben. Erst 108 errang der Konsul Quintus Caecilius Metellus Numidicus die ersten Erfolge. Als dann sein Unterfeldherr, der Emporkömmling Gaius Marius, für 107 zum Konsul gewählt worden war, ging es erst recht vorwärts, freilich auch mit etwas mehr Glück. Neben militärischen Erfolgen gelang es, Jugurtha mit der Hilfe des mauretanischen Königs Bocchus in eine Falle zu locken; damit war der Krieg zu Ende, das Staatsgebiet Numidiens wurde zugunsten Roms und der Nachbarn verkleinert, Jugurtha wurde in Rom im Triumphzug des Marius 104 v. Chr. mitgeführt und dann hingerichtet. Freilich musste Marius erleben, dass auch er eine Schlange an seinem Busen genährt hatte. Wie er als Untergebener des Metellus über diesen hinauswuchs, so war derjenige, der mit List und Glück die Gefangennahme Jugurthas erreicht hatte, ein junger Mann namens Lucius Cornelius Sulla, der spätere Sieger über Marius 88 v. Chr. im Bürgerkrieg.
 
 Marius besiegt die Germanen — Sulla, Lucullus und Pompeius besiegen Mithridates VI. von Pontos
 
Auf Marius glaubte das römische Volk nicht verzichten zu können, besonders nicht gegen die Germanen. Während die nordafrikanischen Wirren Resultat der früheren römischen Nordafrikapolitik waren, war die nun folgende Gefahr ohne jegliches römisches Zutun entstanden. An der jetzigen deutschen und dänischen Nordseeküste setzten sich, wohl durch Sturmfluten veranlasst, germanische Stämme nach Süden in Bewegung, die Kimbern, Teutonen und Ambronen (die Insel Amrum hat ihren Namen von ihnen). Viele Jahre hatten römische Heere unter dem Kommando regulärer Magistrate erfolglos versucht, sie von Italien fern zu halten; man hielt sie für Kelten, und das alte Keltentrauma war wieder erwacht. Als 105 bei Arausio (Orange) das römische Heer vollständig vernichtet wurde, erschien Marius, der Bezwinger Jugurthas, als der richtige Mann, und er bannte die Gefahr tatsächlich. Von 104 bis 101 v. Chr. regelmäßig zum Konsul gewählt, schlug er die Teutonen und Ambronen 102 bei Aquae Sextiae (Aix-en-Provence) und die Kimbern 101 bei Vercellae (Vercelli) in der Poebene. Es waren Vernichtungsschlachten, die wandernden Germanen wurden ausgelöscht.
 
Die nächste Herausforderung war der erste Krieg gegen Mithridates von Pontos, den König des »Pontischen Reiches« an der Südküste des Schwarzen Meeres. Mithridates VI. mit dem Beinamen Eupator (»gut als Vater«) war der letzte große Herausforderer Roms im Namen des politischen hellenistischen Griechentums. Zu Anfang seiner Regierung, die 121 v. Chr. begann, war er einer der vielen hellenistischen Duodezkönige, denen Rom aus mangelndem Interesse an einer direkten Herrschaft ihre kleinen Herrschaften ließ, wenn sie keine weiteren Ambitionen hatten. Die aber hatte Mithridates.
 
Seine Herrschaft, die er auf Kolchis und Krim ausgedehnt hatte, war stabil, wohl geordnet, hoch gerüstet und zu Größerem bestimmt. Dieses Größere war die Ausdehnung nach Westen, und allmählich merkte man auch in Rom, dass sich da im Osten etwas zusammenbraute. Im Jahre 89 eroberte Mithridates in einem Sturmlauf fast ganz Kleinasien, entfachte eine gewaltige antirömische Propaganda und erließ 88 v. Chr. in Ephesos einen Befehl, nach dem 80000 Römer und Italiker abgeschlachtet wurden, so verhasst waren sie, die das Land aussaugten. Überall gewann er Anhänger, seine Kriegsflotte unter dem Griechen Archelaos beherrschte das Mittelmeer, und selbst Athen, das immer eine vorsichtige Politik betrieben hatte, wagte sich aus seiner Deckung hervor: Unter dem Tyrannen Aristion trat es auf die Seite des pontischen Königs gegen Rom.
 
Zunächst erhielt Sulla, der zum Konsul gewählt worden war, das Kommando, aber aufgrund chaotischer und absurder innenpolitischer Umschwünge in Rom wurde ihm das Kommando streitig gemacht, sodass ein zweites Heer ausgesandt wurde. Dessen Befehlshaber Lucius Valerius Flaccus erzielte auch militärische Erfolge, ja sogar nach seiner Ermordung durch seinen Untergebenen Gaius Flavius Fimbria, der den Oberbefehl übernommen hatte, kämpfte sein Heer erfolgreich und eroberte Pergamon.
 
Sulla war aber der wichtigere Gegner des Mithridates. Er belagerte lange Athen, das schließlich 86 v. Chr. kapitulieren musste und starke Kriegsschäden erlitt, Aristion wurde hingerichtet. Archelaos, der noch lange Piräus gehalten hatte, trat Sulla in Böotien entgegen, wurde ebenfalls 86 v. Chr. geschlagen und vermittelte dann den Frieden zwischen Rom und Mithridates. Bei Dardanos verpflichtete sich Mithridates 85 v. Chr. zum Rückzug und zu einer Kriegsentschädigung; er wurde mit Nachsicht behandelt, denn Sulla hatte es eilig, nach Rom zurückzukommen. Der König von Pontos hielt sich wider Erwarten an den Frieden; selbst, als er kurz darauf von einem römischen Statthalter durch dessen Raubzug provoziert wurde, der als 2. Mithridatischer Krieg (83—81 v. Chr.) bezeichnet wird, beschwerte er sich bloß und erfuhr die Genugtuung, dass der inzwischen in Rom wieder zur Macht gelangte Sulla diesen Krieg abbrechen ließ.
 
Aufgegeben hatte Mithridates seine Pläne nicht. Im Jahr 74 v. Chr. ergab sich durch den Tod des bithynischen Königs wieder eine Gelegenheit, nach Westen vorzudringen, und wieder wendeten sich die Römer militärisch gegen die Vorstellung, dass ein hellenistischer König mehr als ein treuer Vasall sein wollte. Der bedeutendste Feldherr der Römer war Lucius Licinius Lucullus, Konsul 74, dessen cognomen heute leider nur noch im Zusammenhang mit gutem Essen geläufig ist. Zwar war er in der Tat ein äußerst wohlhabender Mann, der nach seinem Ausscheiden aus dem 3. Mithridatischen Krieg (74—63 v. Chr.) auch die Politik ad acta legte und nur noch auf großem Fuß lebte; aus Kerasus am Schwarzen Meer hatte er die Kirsche nach Europa gebracht, die nach diesem Ort benannt ist. Aber vor allen Dingen war Lucullus das Urbild des römischen Aristokraten und Feld- herrn.
 
Der Krieg, den er zu führen hatte, hielt ihn jahrelang im Orient fest, führte ihn tief nach Armenien hinein, ließ ihn alle Schwierigkeiten unbekannter und ungewohnter Örtlichkeiten erfahren, machte es notwendig, dass er mit listigen und gewalttätigen Königen verhandelte, mit Parthern, Armeniern und allen anderen orientalischen Völkern, und Lucullus hätte mit Sicherheit Mithridates besiegt, wenn ihm nicht durch die innerrömischen politischen Veränderungen ständig Schwierigkeiten gemacht worden wären. Schließlich wurde er in kränkender Weise durch Gnaeus Pompeius abgelöst, den starken Mann der späten Republik, der schließlich Caesar unterliegen sollte. Nach einer letzten Schlacht floh Mithridates zu seinem Sohn Pharnakes II. auf die Krim, der distanzierte sich von ihm, sodass der König, von allen verlassen, im Jahre 63 v. Chr. Selbstmord beging. Pharnakes sandte die Leiche an Pompeius.
 
 Pompeius und Octavian beenden die römische Expansionspolitik im östlichen Mittelmeerraum
 
Pompeius erntete. Nachdem schon 102 v. Chr. Kilikien zur Provinz Cilicia gemacht, 74 v. Chr. Kyrene Provinz geworden war, die später mit dem 66 v. Chr. hinzugekommenen Kreta zusammen verwaltet wurde, legte Pompeius 64 v. Chr. Pontos mit Bithynien zur Provinz Bithynia et Pontus zusammen, machte aus dem Rest des Seleukidenreiches die Provinz Syria, setzte Kleinfürsten ein und ab, so auch den Hohepriester in Jerusalem, wobei allerdings im Vorbeigehen noch der Tempelberg erobert werden musste, und er traf zahlreiche weitere organisatorische Regelungen im östlichen Mittelmeergebiet. Abgesehen von Ägypten, das noch selbstständig blieb, zog Pompeius im Osten den Schlussstrich unter die römische Expansion; alles Spätere — 58 v. Chr. die Einrichtung der Provinz Cyprus und 46 v. Chr. von Africa Nova, dem Rest des Numiderreiches — war nur noch Feinarbeit.
 
Den Schlussstein setzte dann Octavian, der drei Jahre danach den Titel Augustus bekam. Ägypten hätte schon längst römisch sein können, wenn Rom die Testamente angenommen hätte, die die späten Ptolemäerkönige zugunsten der alles beherrschenden Macht verfasst hatten. Der letzte Spross der Dynastie zeigte noch einmal alle Eigenschaften, durch die die makedonischen Herrscher ihre Alexandernachfolge hatten behaupten und das Gesicht des Nahen Ostens hatten verändern können. Kleopatra VII. war nicht nur eine Frau, die mit ihrer weiblichen Anziehungskraft Caesar fast seinen Bürgerkrieg vergessen ließ, sie regierte ihr Land mit fester Hand und war darauf bedacht, dass es bei aller Anlehnung an Rom ein eigener politischer Machtfaktor blieb. Marcus Antonius, der so gerne Caesars Nachfolger geworden wäre, wurde es nur bei Kleopatra, und mit ihm endete auch das ptolemäische Ägypten. Der Kampf zwischen ihm und Octavian, der mit der Seeschlacht bei Actium im Jahr 31 v. Chr. beendet wurde, wurde nicht als Bürgerkrieg ausgefochten, sondern als Krieg zwischen Rom und Ägypten. Als Octavian ein Jahr später in Alexandria einzog, beging Kleopatra Selbstmord, und Ägypten wurde römisch.
 
 Schritt für Schritt lernt Rom, ein Weltreich zu regieren — Eine Bilanz
 
Wir ziehen die Bilanz eines riesigen Ereignisablaufes, von der Zusammenfassung Italiens in der römisch bestimmten Wehrgenossenschaft bis hin zur territorialen Vollendung des Weltreichs. Über die Ursachen der römischen Expansion ist schon von den Zeitgenossen nachgedacht worden, und wer heute den ganzen Vorgang Imperialismus nennen will, kann das tun, wenn er diesen Begriff derart in einem deskriptiven Sinn verwendet, dass damit nichts weiter als großräumige Herrschaft gemeint ist; alle weiteren Präzisierungsversuche führen ins scholastische Dickicht miteinander konkurrierender Theorieansätze. Wichtiger ist die Frage nach den Triebkräften der Entwicklung.
 
Man versteht die Gründe für die Ausbreitung Roms am besten, wenn man sich, wie es hier versucht wurde, in die jeweilige Situation hineinversetzt und fragt, welches denn bei einem grundsätzlich offenen Geschichtsablauf die konkrete Situation war, aus der heraus gehandelt wurde. Da stellt sich heraus, dass Roms Agieren lange Zeit hindurch nichts als ein Reagieren war. Selbstverständlich nie in dem Sinne, dass damit gemeint wäre, die bedauernswerten, eher pazifistisch gesonnenen Römer hätten sich immer nur ihrer Haut wehren müssen, hätten widerwillig zu den Waffen gegriffen und die Früchte des Sieges am liebsten gar nicht geerntet. Nein, sie hatten schon eine Grundhaltung, die darin bestand, Konflikten nicht aus dem Wege zu gehen, sondern sie energisch anzupacken und zu ihren Gunsten zu entscheiden. Aber dass auswärtige Kriege nicht mutwillig zum Zwecke einer wie auch immer motivierten Eroberung oder eines Beutemachens vom Zaun gebrochen wurden, das sollte klar geworden sein. Als durchgängiges Motiv hinter Roms Handeln stand das Bestreben, eine wirklich, vielleicht oder auch nur möglicherweise eintretende Machtzusammenballung zu verhindern. Der Zeitfaktor spielt natürlich eine Rolle. Starkes Selbstbewusstsein und Hochmut bis hin zum Übermut mochten schon früher gelegentlich bestanden haben, seit dem Sieg über Hannibal wurden sie ein immer deutlicherer Faktor bei den außenpolitischen Entscheidungen Roms. Das, was Rom von ungehemmtem Durchgreifen zurückhielt, war ein Eigeninteresse, das darin bestand, dass ihm die Organisation der Herrschaft problematisch war. Wir haben gesehen, wie es zögerte, Ägypten in Besitz zu nehmen, das ihm förmlich auf dem Präsentierteller dargeboten wurde, und auch die Versuche, Griechenland sich selbst zu überlassen, waren durch die Unsicherheit verursacht, dass völlig unklar war, was denn nun für eine Art Herrschaft als Alternative ausgeübt werden sollte. Nur so, aus einer Art unsicherer Brutalität, die nicht weiß, was eigentlich konkret geschehen soll, sind die Zerstörungen von Karthago und Korinth 146 v. Chr. zu verstehen.
 
Erst allmählich entstanden die Provinzen, und erst durch sie wurde direkte Herrschaft ausgeübt. Die ursprüngliche militärische Funktion der Entsendung eines römischen Magistrats mit imperium wandelte sich im Lauf der Zeit so, dass unter Beibehaltung der militärischen Aufgaben — selbst der Urzivilist Cicero führte als Statthalter in Kilikien Krieg — dem Amt zivile Funktionen zuwuchsen. Man muss sich das so vorstellen: Als hochrangiger Vertreter Roms war der Kommandeur die eigentliche Macht, er griff in die Verhältnisse der Städte ein, wenn es im Interesse Roms lag, und so wandten sich die Provinzbewohner zunehmend von sich aus an ihn, wenn es unter ihnen Streitigkeiten gab; auf diese Weise wuchs er in eine Richterrolle hinein und konnte Prozesse nach Gutdünken an sich ziehen. Zudem wurden den Provinzen Abgaben auferlegt, für deren Einziehung auch der Statthalter verantwortlich war. Auf diese Weise vereinigte er in sich die drei klassischen Aufgabenbereiche des vorindustriellen Staates, nämlich das militärische Kommando, die Rechtsprechung und die Finanzen.
 
Allmählich spielte sich die Praxis ein, Kommandos zu verlängern, also nicht mehr nur jährlich neu entsandte Prätoren eine Provinz verwalten zu lassen, sondern den bisherigen Magistrat anstelle eines Prätors zu belassen, pro praetore auf Lateinisch, oder anstelle eines Konsuls, pro consule, sodass jetzt vielerorts eben Proprätoren oder Prokonsuln die Provinzen regierten.
 
Schließlich gab es immer noch zahlreiche Städte und Reiche außerhalb der Provinzen, manchmal auch als Enklaven umgeben von Provinzterritorium. Sie waren offiziell souveräne Staaten, mit denen Rom in völkerrechtlichen Beziehungen stand. Aber dabei wirkte natürlich das gegenseitige Machtgefälle: hier das riesige Römerreich, dort ein vereinzeltes Kleinkönigreich oder eine vereinzelte Stadt, wenn sie auch vielleicht nicht ganz unbedeutend war wie Athen oder Rhodos. Dieses Verhältnis wurde auch begrifflich ausgedrückt, auf zwei verschiedenen Ebenen. Zum einen in den völkerrechtlichen Begriffen amicitia et societas (Freundschaft und Bundesgenossenschaft). Amicus populi Romani (Freund des römischen Volkes) oder socius populi Romani zu sein war ursprünglich ein Verhältnis von Gleich zu Gleich; im Laufe der Entwicklung wurde es aber zu einem Ausdruck höchst einseitiger Verhältnisse.
 
Zum anderen konnte dieses Gefälle auch mit einem Ausdruck aus dem innerrömischen sozialen Leben bezeichnet werden, mit dem der Klientel. Auch Klienten waren ja rechtlich Freie, sozial aber dem Patron zur Gefolgschaft verpflichtet, wofür dieser ihnen Schutz und Förderung zu gewähren hatte. Die Staaten, die der indirekten Herrschaft Roms außerhalb der Provinzen unterworfen waren, waren zwar amici et socii, aber sie waren Klientelstaaten — nicht geradezu Freigelassene, aber doch frei Belassene.
 
 Die Eroberung der griechischen Welt beeinflusst römisches Denken
 
Der Schwerpunkt der bisherigen Darstellung ruhte vor allem auf der Außenpolitik Roms. Diese äußeren Vorgänge waren nun großenteils innenpolitisch bedingt, und umgekehrt wirkte sich Roms Außenpolitik auch innenpolitisch aus. Zunächst Griechenlands Einfluss auf Rom. Schon immer war Rom natürlich mit der griechischen Zivilisation in Berührung gekommen; die Griechenstädte lagen ja gewissermaßen vor der Haustür, und insbesondere mit Kyme, lateinisch Cumae, bestanden enge Beziehungen. Später aber war Rom dann nicht mehr eine kleine italische Landstadt, die zu den alten Zentren griechischer Kultur aufsah, sondern die größte Macht in Mittelitalien, durch ständige erfolgreiche Kriegführung gestärkt und gestählt. Von dieser Position aus wurden dann die Griechenstädte, die zum Teil inzwischen oskisiert worden waren, zu Bundesgenossen, standen also in einem straffen Unterordnungsverhältnis zu Rom.
 
Es ist hier leider nicht der Ort, die Wechselwirkungen von griechischem Einfluss und italischer Eigenständigkeit bei den Dichtern Livius Andronicus, Naevius, Ennius, Plautus und Terenz darzustellen, wohl aber muss ein Wort zur Geschichtsschreibung gesagt werden. Dass man in Rom über das bloße Listenwesen hinaus überhaupt anfing, Geschichte zu schreiben, also Ereignisse nach Ursache und Wirkung miteinander zu verbinden, lag an dem Bedürfnis, antirömischer griechischer Geschichtsschreibung bezüglich der Punischen Kriege etwas entgegenzustellen, so dass sich der römische Senatus Quintus Fabius Pictor veranlasst sah, eine Art Gegendarstellung zu schreiben. Sie begann mit der Urgeschichte und endete mit dem 2. Punischen Krieg, und sie war, wegen des Adressatenkreises, auf griechisch geschrieben - das ist die Geburt der römischen Historiographie. Leider ist sie nicht erhalten. Cato der Ältere verfolgte das Vordringen des Griechischen mit großem Misstrauen, weil er dadurch eine Gefährdung des römischen Selbstbewusstseins befürchtete, trotzdem soll er im Alter wegen der Wichtigkeit dieser Sprache noch Griechisch gelernt haben. Bezeichnender noch ist aber sein eigenes Geschichtswerk, die »Origines«. Auch sie begannen, und danach heißen sie ja auch, mit den Ursprüngen Roms und führten bis in die Gegenwart, und ihre Absicht war, den Römern ihre große Vergangenheit vor Augen zu führen. Die Gattung selbst ist griechisch, denn es gab zahlreiche Werke in der griechischen Welt, denen die »Origines« nachgebildet waren.
 
Andere kulturelle Einflüsse, denen sich Rom jetzt, zum Teil zögernd, öffnete, seien nur in Stichworten genannt: Dass das Theater, das ursprünglich aus einfachen, natürlich religiös verwurzelten Aufführungen bestanden hatte, griechisch verfeinert wurde, zeigen Plautus und Terenz. Die Philosophie hielt Einzug ins staunende Rom, als die oben erwähnte Philosophengesandtschaft aus Athen erschien und die jungen Römer aus erster Hand erfuhren, was es heißt, methodisch zu denken. Auf einem bestimmten Gebiet, nämlich in dem der Rechtswissenschaft, das als einziges eine rein römische Errungenschaft war, hatten die römischen Juristen schon vorher Bekanntschaft mit griechischem Denken gemacht. Wie sehr die Römer in kultureller Hinsicht zu den Griechen aufblickten, zeigt sich darin, dass sie allmählich ihre einfachen religiösen Vorstellungen, insbesondere die Mythologie, an griechische Vorbilder anpassten, ja, dass sie sogar begannen, ihre eigene Herkunft im griechischen Sagenkreis zu suchen, um sich dadurch zu legitimieren. Griechen begannen in den Sagen von den Anfängen Roms eine immer größere Rolle zu spielen, aber darüber hinaus interpretierten sich die Römer jetzt in die Sagen vom Trojanischen Krieg hinein: Ihr Stammvater sei Äneas gewesen, der Trojaner, der seinen Vater Anchises aus dem brennenden Troja gerettet hatte. Weitergedacht heißt dies, dass mit der römischen Eroberung der Welt eigentlich die Trojaner über die Griechen gesiegt hatten.
 
Überblickt man die äußeren Ereignisse im Zusammenhang, dann muss als Erstes noch einmal festgestellt werden, dass es kaum ein Jahr gab, in dem Rom nicht Krieg führte, wenn auch nicht immer mit derselben Intensität; am stärksten wurden Staat und Gesellschaft im Hannibalkrieg gefordert. Für die Kriege in Griechenland wurden zu diesem im Vergleich regelmäßig nur wenige Legionen gebraucht. Das ließ in besonderem Maße den festen Zusammenhalt zwischen dem Senatorenstand und dem Volk entstehen. Im 3. Jahrhundert machte sich eine neue wirtschaftlich-soziale Entwicklung bemerkbar, die mittelbar mit dem Krieg zu tun hat. Wir können sie nur erschließen und zwar dadurch, dass im Jahre 218 v. Chr., also zu Beginn des Hannibalkrieges, das römische Volk ein Gesetz verabschiedet hatte. Dieses bestimmte, dass ein Senator oder der Sohn eines Senators nur ein einziges Handelsschiff mit höchstens 300 Amphoren Fassungsvermögen haben durfte. Damit wurde den Senatoren indirekt verboten, mehr Handel zu treiben, als zum Vertrieb der von ihnen geernteten Früchte erforderlich war. Daraus ergibt sich, dass im Senatorenstand eine Entwicklung um sich gegriffen haben muss, nach der immer mehr Senatoren großräumigen Handel betrieben, und diese Tendenz muss den Initiatoren des Gesetzes missfallen haben. Es scheinen hier Vorstellungen bestanden zu haben, nach denen es eines Senators unwürdig war, auch Kaufmann zu sein. Als seine standesgemäße Erwerbsart wurde nur die Landwirtschaft angesehen, und im Allgemeinen ist jetzt der Senatorenstand wirklich auf den landwirtschaftlichen Erwerb verwiesen worden mit der Folge, dass die Senatoren Großgrundbesitzer wurden.
 
Eine weitere Folge war, dass sich mit diesem Gesetz ein weiterer Stand in der römischen Gesellschaft bildete oder in spezifischer Weise sichtbar wurde, der »ordo equester«. Im Deutschen wird er gewöhnlich mit dem Wort »Ritterstand« wiedergegeben, und dabei kann es auch bleiben, wenn man sich klar macht, was er ist. Auf keinen Fall hat er etwas mit einem Rittertum zu tun, das mit dem des Mittelalters vergleichbar wäre; Ritterstand hier ist einfach eine Übersetzung des lateinischen Begriffs, so wie Senatorenstand die Übersetzung von »ordo senatorius« ist. Der römische Ritterstand war zunächst einmal die Gruppe, die im frühen römischen Heer zu Pferd diente, weil ihre Angehörigen so viel Vermögen hatten, dass sie sich diese Ausrüstung hatten leisten können. Zum Ritterstand in diesem Sinne gehörten also mit der allmählichen Loslösung der Standeszugehörigkeit von der archaischen militärischen Einteilung sämtliche vermögende römische Bürger, darunter natürlich auch die Senatoren.
 
Im Verlauf des 3. Jahrhunderts v. Chr. gab es anscheinend Aufsteiger in diesen Stand, die durch die Verdienstmöglichkeiten, die Krieg, Heeresversorgung, öffentliche Aufträge und Steuereintreibung boten, reich geworden waren und anfingen, schwunghaft Handel zu treiben; nicht umsonst fällt in diese Epoche auch die erste römische Münzprägung. Mit solchen Geselllen wollten - und sollten - die Senatoren nichts zu tun haben - oder besser, hinreichend viele wollten das nicht, das waren die, die das claudische Gesetz von 218 v. Chr. durchbrachten. Seit seiner Geltung waren die Senatoren gewissermaßen in die höhere Hierarchiestufe ausgeschieden, obwohl sie, was das Vermögen anbetrifft, immer noch Ritter waren. Der eigentliche Ritterstand im historisch spezifischen Sinne aber war nun geboren. Als weitere Folgen wären dann noch kurz einerseits die Tatsache zu erwähnen, dass durch die chaotischen Verhältnisse in der Folge des Hannibalkrieges die Notwendigkeit auftrat, Ordnung in das Grundstücksrecht zu bringen, bei welcher Gelegenheit die Prätoren den Begriff des Besitzes im Gegensatz zum Eigentum entwickelten, andererseits darauf aufmerksam zu machen, dass vermögende Frauen eine immer größere Rolle spielten. Letzteres gegen den Widerstand Catos.
 
Die Gestalt Catos ist für die Situation während und nach den großen Kriegen charakteristisch, auch deshalb, weil er gerade nicht zu den bis dahin führenden Familien gehört hatte und gegen diese anging. Marcus Porcius Cato, geboren 234 v. Chr., stammte aus einer ritterständischen Familie in Tusculum beim heutigen Frascati. Er kämpfte ab 216 im Hannibalkrieg mit und ergriff dann mit Unterstützung aus der Nobilität - anders wäre es für einen Ritter ja nicht möglich gewesen - die politische Laufbahn: Er wurde etwa 214 Militärtribun, 204 Quästor, 199 plebejischer Ädil, 198 Prätor (Statthalter auf Sardinien), 195 Konsul, 194 Prokonsul in Spanien, 184 sogar Zensor. Während er 191 ein weiteres Mal Militärtribun war, spielte er eine entscheidende Rolle beim Sieg über Antiochos den Großen an den Thermopylen. Nach seiner Zensur war er aufgrund seiner Auctoritas unermüdlich weiter politisch tätig; er starb 149 v. Chr. Als Aufsteiger hatte er besonders strenge Vorstellungen von altrömischer Lebensart, die er in ihrer schon ins Romantische übergehenden Einfachheit auch vorlebte. Insbesondere warf er den Angehörigen der alten Geschlechter Verrat dieser altrömischen Ideale vor. Er sorgte daher dafür, dass Luxusgesetze erlassen wurden, und in diesen Zusammenhang gehört auch sein vergeblicher Widerstand gegen die Aufhebung der »lex Oppia«, eines Gesetzes, das Frauen während des Hannibalkrieges Beschränkungen auferlegt hatte.
 
Die Zeiten hatten sich verändert. Ein Vorfall aus dem Jahre 186 v. Chr. ist für diese Entwicklung symptomatisch. Durch einen Kriminalfall war herausgekommen, dass in Süditalien private Vereinigungen, die den griechischen Dionysoskult praktizierten, als Geheimbünde mit starker Binnendisziplin organisiert waren und zur Begehung von Kapitalverbrechen führten. Die Angelegenheit dieser Bacchanalien - Bacchus ist der lateinische Name des Gottes Dionysos - kam vor den Senat. Und das Ergebnis war, dass die Personen im Falle der Zugehörigkeit zu solchen Verschwörungen mit dem Tode bestraft wurden. Dieser Sachverhalt zeigt das Eindringen fremder Kulte in Italien, aber auch, dass der römische Staat in ihnen eine Gefahr für den inneren Zusammenhalt des römischen Gemeinwesens sah und daher ähnlich reaktionär eingestellt war wie Cato.
 
Bei den Veränderungen in der Oberschicht beginnen wir mit bestimmten Personen, und zwar auch deshalb, weil Cato nichts von ihnen wissen wollte. Für ihn zählten nur die Institutionen, und deshalb kamen seine »Origines«, also sein Werk über die römische Geschichte, ohne die Erwähnung von Personen aus. Cato wählte diesen Weg, weil er bedeutende Männer seiner Gegenwart vor Augen hatte, die dabei waren, sich über die Standesdisziplin hinwegzusetzen, und ihnen gegenüber wollte er die Fahne der altrömischen unpersönlichen Adelsgesellschaft aufpflanzen.
 
Zu Catos Zeit und für die Nachwelt waren die Brüder Scipio, also Publius, der Hannibalsieger, und Lucius, der Sieger über Antiochos den Großen, am berühmtesten. Unmittelbar einleuchtend ist, dass es Scipio Africanus nach den ungeheuren Leistungen, die er in jungen Jahren erbracht und mit denen er Rom gerettet hatte, schwer fiel, sich zu Hause wieder einzuordnen Es muss ein harter Schlag für ihn gewesen sein, dass er bei den Konsulwahlen für 194 v. Chr. unterlag und auch das Kommando für den Krieg gegen Antiochos nicht bekam. Immerhin konnte er als Berater seines Bruders mit ins Feld ziehen und hatte so den Löwenanteil am Sieg über den großen Seleukidenkönig. In Rom wartete aber etwas auf die Brüder, was sie nur als Undank und Demütigung empfinden konnten. Sie wurden, vielleicht besonders auf Betreiben Catos, vor Gericht gezogen unter der Anklage, bestochen worden zu sein und auch sonst finanzielle Unregelmäßigkeiten begangen zu haben. Zwar wurden sie freigesprochen, zogen sich aber doch verbittert aus dem öffentlichen Leben zurück. Wie sehr sie es als Zumutung ansahen, ihren Standesgenossen Rechenschaft abzulegen, zeigt eine Anekdote von L. Cornelius Scipio. Er sollte die Abrechnungsbücher, die er als Feldherr im Krieg führen musste, vorlegen; er tat das auch, aber so, dass er sie zerriss, sie den Senatoren vor die Füße warf und sagte, sie sollen sie sich selber wieder zusammensuchen.
 
Flaminius, der Sieger des 2. Makedonischen Krieges, und Scipio waren in jungen Jahren zu den höchsten Stellungen aufgestiegen, und auch das empfand die Mehrheit der Senatoren als unpassend. Es ging noch an, wenn äußere Not es erforderte, aber sonst sollte dem erfahrenen Alter der Vortritt gelassen werden. Dieses Vorgehen wurde früher nie in Frage gestellt, aber in den Zeiten der großen Kriege und Siege geriet diese Selbstverständlichkeit allmählich aus der Übung, so dass man darüber nachdachte, wie eine geregelte Ämterlaufbahn wieder eingeführt werden könnte. Weiteres kam hinzu. Eine frühe Kandidatur begünstigte junge Männer aus denjenigen Familien, die ohnehin schon politisch aktiv und daher bekannt waren, und wer sich durch Tüchtigkeit neu die Sporen verdienen wollte, war schlechter gestellt. Nur ganz wenigen, darunter Cato, gelang der Sprung in die Ämter und damit in den Senat; in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts v. Chr. kamen nur acht Konsuln nicht aus den alten Adelsfamilien. Um das Monopol der großen Familien zu brechen, meinte man mehr Zeit für den politischen Aufstieg zur Verfügung stellen zu müssen. Aus diesen Überlegungen ist die schließlich im Jahr 180 v. Chr. verabschiedete »lex Villia annalis« zu verstehen, das Gesetz, das von einem Volkstribunen Lucius Villius zur Abstimmung gestellt wurde und das den Cursus honorum so regelte, wie er bereits beschrieben wurde. Diese feste Regelung der Lebensalter und der Jahresabstände, die zwischen den einzelnen Ämtern nun zu beachten waren, ist aber als Indiz dafür zu werten, dass es mit dem freiwilligen Einhalten gewisser Grundregeln nicht mehr reibungslos funktionierte.
 
Vielleicht gehört auch ein Gesetz in diesen Zusammenhang, das bisher nur Gegenstand der Frauengeschichte war und gerne als Beispiel für Frauendiskriminierung genannt wurde. Die »lex Voconia« von 169 v. Chr. legte fest, dass in der obersen Vermögensklasse eine Frau nicht testamentarisch zur Erbin eingesetzt werden konnte und dass dieses Verbot auch nicht dadurch umgangen werden durfte, dass man eben der Frau so viele Vermächtnisse zukommen ließ, dass diese in der Summe doch den ganzen Nachlass ausmachten. Das Gesetz sagte, anders als der Sprachgebrauch des Wortes Erbin zuerst vermuten lässt, nicht, dass eine Frau nichts bekommen dürfe; sie wurde schon beteiligt, nur eben Erbin konnte sie nicht sein; ein Erbe ist nämlich so definiert, dass er vollkommen in die Rechtsposition des Erblassers eintritt, also nicht nur seine sämtlichen Rechte, sondern auch seine sämtlichen Pflichten übernimmt. Das sollte hinsichtlich einer Frau - nur in der obersten Vermögensklasse! - nicht mehr möglich sein, und die Frage ist, warum diese Regelung zu diesem Zeitpunkt getroffen wurde. Dass gewöhnliche Frauenfeindschaft als Ursache ausscheidet, darüber sind sich inzwischen alle Historikerinnen und Historiker einig, und man hat sich im Allgemeinen darauf verständigt, das Gesetz so zu interpretieren, dass es dem Zusammenhalt des Vermögens der großen Familien diente. Es kann aber auch die allgemeine innenpolitische Situation des gesellschaftlichen Umbruchs als Ursache haben, die darin bestand, dass sich nun mehr Kandiaten um die Ämter bewarben als früher und dass die Wahlkämpfe teurer wurden. Möglicherweise sollte die »lex Voconia« sicherstellen, dass hinreichend Vermögen für diesen Zweck bereit stand.
 
Das grellste Licht auf den durch die Expansion im Mittelmeerraum verursachten Wandel in der Senatsaristokratie wirft die Entwicklung der Repetundenverfahren. »Repetere« heißt zurückverlangen, und bei diesen Gerichtsprozessen ging es darum, dass die von römischen Feldherren und Statthaltern im Ausland geraubten Gegenstände oder erpressten Geldsummen zurückverlangt wurden. Der Vorgang sah so aus, dass römische Beamte diese Dinge mitgehen oder sich unter Androhung von Gewalt schenken ließen und dass anschließend, wenn die Gefahr vorbei war, eine Gesandtschaft der - meist griechischen - beraubten Stadt vor dem römischen Senat erschien und Rückgabe verlangte. Der Senat setzte dann eine Untersuchungskommission ein, eine Quaestio, die nach Klärung des Sachverhalts entweder das Begehren der Stadt zurückwies oder aber den Übeltäter zur Herausgabe verurteilte und bestrafte. Diese Fälle, am Ende des 3. Jahrhunderts v. Chr. beginnend, nahmen so überhand, dass es nicht mehr damit getan war, von Fall zu Fall eine solche Kommission zu bilden. Daher beschloss das Volk im Jahr 149 v. Chr. eine »lex Calpurnia«, die ständige Gerichtshöfe, die Quaestiones perpetuae, für diese Verfahren einsetzte.
 
Gewiss sind solche Verfahren, wie in der Politik üblich, auch zum Austragen von Rivalitäten und politischen Auseinandersetzungen instrumentalisiert worden, und gewiss muss nicht immer moralischer Abscheu zu Sanktionen geführt haben, sondern die Sorge, dass römische Herrschaftsinteressen durch derartiges Verhalten gefährdet seien - genug, die römische Aristokratie erkannte die Gefährlichkeit ungezügelter räuberischer Willkür ihrer Angehörigen im Ausland und versuchte, dagegen einzuschreiten. Dass sie im Ergebnis damit scheiterte, hat den Zusammenbruch der Republik mit verursacht.
 
Die Bilanz hat ein doppeltes Gesicht. Für den Senatorenstand war die Außenpolitik einschließlich der Kriege eine Herausforderung, deren tief beeindruckende Bewältigung zu Höchstleistungen an Tatkraft, Disziplin und Gestaltungskraft führte, gleichzeitig aber, zum Teil aber bei denselben Personen, erste Ansätze der Desintegration dieses Standes hervorrief.
 
Draußen, im Krieg oder auch in diplomatischer Mission oder als Statthalter, regierten sie mit unumschränkten Vollmachten wie ein hellenistischer König, und sie wurden von den Untertanen teilweise auch so behandelt. Dort waren sie allein, und die Aufsicht durch die im Senat organisierten Standesgenossen funktionierte nicht mehr als täglich gelebtes Faktum, sondern musste mühsam durch Gesandtschaften oder die Erwartung eines möglichen Gerichtsverfahrens aufrecht gehalten werden und nahm infolgedessen ab.
 
Trotzdem herrscht an Einzelbeispielen für grandiose Erscheinungen der römischen Aristokratie neben Scipio dem Jüngeren, dem Zerstörer Karthagos, kein Mangel: Gaius Hostilius Mancinus war ein regulärer Konsul, der sich der Staatsdisziplin fügte und sich 136 v. Chr. gefesselt vor die Tore Numantias stellte, und Manius Aquilius war ebenfalls ein regulärer Konsul, der 101 v. Chr. in einem Zweikampf von Mann zu Mann den Sklavenführer Athenion besiegte, tötete und damit den Sklavenkrieg beendete.
 
Prof. Dr. jur. Wolfgang Schuller
 
Weiterführende Erläuterungen finden Sie auch unter:
 
Römische Revolution
 
Grundlegende Informationen finden Sie unter:
 
römische Republik: Vorgeschichte und Entstehung
 
 
Alföldy, Géza: Römische Sozialgeschichte. Wiesbaden 31984.
 
Das alte Rom. Geschichte und Kultur des Imperium Romanum, bearbeitet von Jochen Martin. Mit Beiträgen von Jochen Bleicken u. a. Gütersloh 1994.
 
Aufstieg und Niedergang der römischen Welt. (ANRW ). Geschichte und Kultur Roms im Spiegel der neueren Forschung, herausgegeben von Hildegard Temporini u. a. Auf zahlreiche Bände berechnet. Berlin u. a. 1972 ff.
 Augustus: Meine Taten. Nach dem Monumentum Ancyranum, Apolloniense und Antiochenum. Lateinisch-griechisch-deutsch. Herausgegeben von Ekkehard Weber. München u. a. 51989.
 Bleicken, Jochen: Geschichte der römischen Republik. München 41992.
 Bleicken, Jochen: Die Verfassung der Römischen Republik. Grundlagen und Entwicklung. Paderborn u. a. 71995.
 Caesar, C. Julius: Der Bürgerkrieg. Lateinisch-deutsch. Herausgegeben von Otto Schönberger. München u. a. 21990.
 Christ, Karl: Krise und Untergang der römischen Republik. Darmstadt 31996.
 
Corpus inscriptionum Latinarum. Consilio et auctoritate Academiae Litterarum Regiae Borussicae editum, herausgegeben von der Preußischen Akademie der Wissenschaften. 17 Bände in 66 Teilen mit Supplementbänden. Berlin 1869-1986. Teilweise Nachdruck Berlin 1939-86.
 
Corpus iuris civilis. Text und Übersetzung. Auf der Grundlage der von Theodor Mommsen und Paul Krüger besorgten Textausgaben, herausgegeben von Okko Behrends u. a. Band 2: Digesten 1-10, herausgegeben von Okko Behrends u. a. Heidelberg 1995.
 Dahlheim, Werner: Gewalt und Herrschaft. Das provinziale Herrschaftssystem der römischen Republik. Berlin u. a. 1977.
 Dahlheim, Werner: Struktur und Entwicklung des römischen Völkerrechts im dritten und zweiten Jahrhundert v. Chr. München 1968.
 
Fischer-Weltgeschichte, Band 7: Die Mittelmeerwelt im Altertum, Teil 3: Der Aufbau des römischen Reiches, herausgegeben von Pierre Grimal. Frankfurt am Main 1990.
 
Fischer-Weltgeschichte, Band 8: Die Mittelmeerwelt im Altertum, Teil 4: Das Römische Reich und seine Nachbarn, herausgegeben von Fergus Millar. Frankfurt am Main 1995.
 
Fischer-Weltgeschichte, Band 9: Maier, Franz Georg: Die Verwandlung der Mittelmeerwelt. Frankfurt am Main 1994.
 Fuchs, Harald: Der geistige Widerstand gegen Rom in der antiken Welt. Berlin 21964.
 Gelzer, Matthias: Die Nobilität der römischen Republik. Mit einem Vorwort und einer Ergänzung zur Neuausgabe von Jürgen von Ungern-Sternberg. Stuttgart 21983.
 Habicht, Christian: Cicero der Politiker. München 1990.
 Hantos, Theodora: Das römische Bundesgenossensystem in Italien. München 1983.
 Heuss, Alfred: Römische Geschichte. Darmstadt 51983.
 Hölkeskamp, Karl-Joachim: Die Entstehung der Nobilität. Studien zur sozialen und politischen Geschichte der Römischen Republik im 4. Jahrhundert v. Chr. Stuttgart 1987.
 Kolb, Frank: Rom. Die Geschichte der Stadt in der Antike. München 1995.
 Livius, Titus: Ab urbe condita. Bearbeitet von Wilhelm Weissenborn und Hermann Johannes Müller. 10 Bände. Zürich u. a. 151965-79.
 Mommsen, Theodor: Römische Geschichte. Bände 1-3. Taschenbuchausgabe München 51993.
 Münzer, Friedrich: Römische Adelsparteien und Adelsfamilien. Stuttgart 21963.
 Plutarch: Große Griechen und Römer. Aus dem Griechischen übertragen, eingeleitet und erläutert von Konrat Ziegler. 6 Bände. München 1979-80.
 Seibert, Jakob: Hannibal. Darmstadt 1993.

Universal-Lexikon. 2012.

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